Ostsee-Umrundung: Mikrocamper Sommer (Tagebuch)

Tag 10

Am Abend des 10. Tags erreichen wir dann die nördlichste Stelle Europas. Jetzt kommt es zu einer großen Herausforderung. Christian will zum echten Norkap paddeln und ich wandern, wohlgemerkt eben nicht zu dem touristischen. Von der sportlichen Betätigung an sich ist es für uns beide machbar. Aber: Paddelweg und Wanderweg laufen nicht parallel. Beides ist in einer unterschiedlichen Zeit zu schaffen und das Kajak muss erst einmal eine Steilküste herunter! Das letzte stellt die größte Herausforderung dar.
Wir parken das Auto so nah wie möglich an der Einsatzstelle für das Kajak, direkt vor dem Nordkap-Hinweisschild und am Startpunkt des europäischen Wanderwegs E1. Das Kajak ist bereits aufgebaut und muss jetzt eine etwa 300 m hohe Steilküste nach unten manövriert werden. Das stellt sich als ziemlich anstrengend heraus. Die Länge macht das Kajak unhandlich zu tragen und leicht ist es auch nicht wirklich. Über 2 h quälen wir uns mit dem Kajak schlängelnd den Abstieg hinunter. Es ist wirklich anstrengend und ich schimpfe zugegebener Maßen völlig unnötig viel vor mich hin.
Mittlerweile ist es 23 Uhr und es regnet leicht. Wir haben den organisatorischen Ablauf besprochen und die Walki Talkies dabei, um in Kontakt zu bleiben. Und los geht es. Christian macht sich mit dem Kajak auf den Weg zum Nordkap. Ich versuche trotz Regen noch ein zwei Aufnahmen mit der Kamera einzuhaschen. Als ich ihn nicht mehr gesehen habe, mache ich mich sofort und so schnell es mir möglich ist auf den Weg nach oben. 1 km Wanderweg mit 300 hm sind nicht in 10 min gelaufen. Ich weiß es nicht auf die Minute genau. Schätzungsweise habe ich etwa 25 min gebraucht, um aufzusteigen.
Ich bin sehr auf den Weg fokussiert  und so irritiert, als plötzlich 5 m vor mir Rentiere auf dem Weg stehen. Witzigerweise scheinen die Tiere genauso irritiert wie ich zu sein. Sie machen mir den Weg frei und ich laufe weiter zum Auto und fahre zu meinem Wanderstartpunkt, der in 6 km Entfernung liegt. Ich stelle Edgar auf dem Parkplatz am Wanderweg ab, schnappe mir den Drohnenkoffer und die Kamera und laufe mit GPS los. Anfangs habe ich Schwierigkeiten, mich zu orientieren. Doch schnell begreife ich, auf welche Weise der Weg ausgeschildert ist, nämlich mit Hilfe von Steinmenschen.
Ein Blick auf das GPS gibt mir darüber Auskunft, dass der Akkuladezustand niedrig ist und ich mich unter Umständen komplett auf mich verlassen muss. Mit einem etwas mulmigen Gefühl wandere ich dem Nordkap entgegen. Auf weiter Flur ist kein Mensch zu sehen. Quer durch die Tundra führt mich der Weg. Ab und an sehe ich Rentiere und über mir kreist ein Falke, in dessen Gebiet ich wohl eingedrungen bin. Als ich Fußabdrücke auf dem Weg sehe, erhalte ich mehr Sicherheit, dass ich richtig bin. Auf etwa halber Strecke kommt mir ein älteres Ehepaar entgegen. Ich frage sie, wie weit es noch zum Nordkap sei. Sie antworten mir, sie haben für eine Strecke 2,5 h benötigt und sich nur 10 min dort aufgehalten, bevor sie wieder den Rückweg angetreten sind. Das schockiert mich. Doch ich habe gar keine Wahl, wir wollen uns ja am Nordkap treffen. Ich laufe und laufe ohne zu wissen, wann ich ankommen werde. Nach etwa 7 km zurückgelegter Strecke funkt mich Christian an. Die Walkie Talkies haben Kontakt! Er teilt mir mit, dass er schon eine Weile da sei, es kalt werde und er sich wieder auf den Rückweg mache und ich umkehren solle.
Ich bin kurz enttäuscht, dass ich es nicht ganz bis zum echten Nordkap geschafft habe. Doch der Gedanke ist schnell verflogen. Die Freude überwiegt, dass der Funkkontakt funktioniert. Ich weiß, dass Christian im Kajak die Strecke schneller zurücklegt als ich zu Fuß. Ich drehe sofort um und wandere so schnell es meine Kraft hergibt mit Gepäck auf dem Rücken zum Parkplatz zurück. 2 Leute, die ich vor mir sehe, geben mir Antrieb und nehmen das Gefühl, alleine zu sein. Den Rückweg laufe ich deutlich schneller, auch mit dem Gedanken, dass Christian nicht zu lange auf mich warten soll und dabei auskühlt. Ich schaffe die 7 km in etwas über 1 Stunde, steige ins Auto, fahre zum touristischen Nordkap und eile die Steilküste hinunter. Unten angekommen, sind wir beide erledigt und gönnen uns eine Pause mit Äpfeln, Keksen und Wasser. Wir entscheiden, dass Kajak später zu holen und uns erstmal einen Schlafplatz zu suchen. 3.30 Uhr liegen wir in unseren Schlafsäcken und im Dachzelt, was uns vor aufkommendem Wind und Regen schützt.

2 Comments Add yours

  1. Mein positivstes Mitgefühl hätte das Projekt, wenn es hiesse:
    1/10 der Unfahrung PER FAHRRAD.

    1. Christian says:

      Ja naja dafür hätten die 3 Wochen nicht ausgereicht. Aber vielleicht kannst du uns ja von deinen Touren berichten. Die sind bestimmt auch sehr spanned. Wir sind gespannt. Liebe Grüße

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